Für jeden Leser gibt es eine Geschichte: Lesung mit Camila Nobiling und Cléssio Moura de Souza

Lesung: “Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada”

Lesung: “Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada”

Ein Publikum trifft auf eine Geschichte und macht diese dann zu einer ganz eigenen. Bei der portugiesisch-deutschen Lesung mit den Autoren Camila Nobiling und Cléssio Moura de Souza und dem Übersetzer Aron Zynga war es ganz sicher so. Denn für jeden Leser gibt es eine Geschichte im vorgestellten Buch “Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada”.

“Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada”

Die Anthologie entstand 2016 zum zweijährigen Jubiläum des Círculo Literário de Berlim – Der Brasilianische Literaturkreis Berlin – The Brazilian Literary Circle of Berlin. Im Bübül Verlag Berlin wurden die Geschichten innerhalb weniger Monate mit viel Sorgfalt, Liebe und wunderbaren Grafiken von Maria Herrlich und Zeichnungen von Ciꞔa Camargos zusammengestellt – quasi Kunst und Literatur in einem Buch.

“Herr Kröterich | Seu Rã” von Camila Nobiling

Camila Nobiling © Kiezlesereise

Camila Nobiling © Kiezlesereise

Camila Nobiling las aus ihrem Text “Herr Kröterich / Seu Rã”. Die Integrationsgeschichte erzählt vom Ankommen in einem neuen Land, dem Anderssein, über Ängste vor dem Neuen und dem Verdacht des Bösen. Sie schildert das Ringen um Anerkennung, Respekt und die Chance die neue Heimat aktiv mitzugestalten. Sehr aktuelle Themen also.

Die Zeit verging, das Gerede hörte auf,
Kröte, Krötin, Krötchen,
niemand regte sich mehr auf.
Der Fremde war jetzt nicht mehr unbekannt,
sondern Teil in diesem Krötenland.
Nun wurde er von niemandem mehr angeblickt,
als hätten ihn die Marsmännchen geschickt.
(Camila Nobiling: Herr Kröterich / Seu Rã. In: Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada. Bübül Verlag Berlin, 2016, Seite 12)

Das Besondere daran ist die Form und das Spiel mit Reimen und Wörtern. Gerade dies war allerdings eine Herausforderung für Aron Zynga, der die Geschichte aus dem Portugiesischen ins Deutsche übersetzte. Es mussten andere Reime gefunden oder Reime an anderer Stelle eingebaut werden, damit der Stil der Geschichte erhalten bleibt.

“Helenas Liste | A lista de Helena” von Cléssio Moura de Souza

Cléssio Moura de Souza © Kiezlesereise

Cléssio Moura de Souza © Kiezlesereise

Cléssio Moura de Souza stellte einen Teil seiner Geschichte “Helenas Liste / A lista de Helena” vor. Darin zappt sich Antonio, der eigentlich Lehrstunden für seine Schüler vorbereiten sollte, durchs TV-Programm und bleibt bei einer Dokumentation über Raubtiere hängen. Während der Sendung quälen ihn Erinnerungen an Kindheitstage. Das Raubtier belästigt seine Beute unablässig.

Die Erinnerung, die ihm oft genug den Schlaf raubt, kommt in Fetzen, immer im Wechsel mit der Dokumentation. Antonio kann die Erinnerung jedoch nicht zulassen und will vergessen. Er hat nur ein Ziel: „Das zurückzudrängen, was seit langem der Dunkelheit angehört.“

Die Bedrohung durch diese Erinnerung war beim Zuhören deutlich spürbar und stand damit in komplettem Gegensatz zur eher optimistischen Geschichte von Camila Nobiling. Hier zeigt sich die Bandbreite der Geschichten, die in “Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada” enthalten sind.

Vielfältige Anthologie – für jeden Leser gibt es eine Geschichte

Texte anderer Autoren gaben einen weiteren Einblick in die Vielfältigkeit der Anthologie. In Valeska Brinkmanns „Fragen eines wilden Mädchens | Interpelaꞔões de uma menina bravinha“ erklären Kinder die Welt und fragen nach dem Sinn des Aufstehens bei Dunkelheit oder danach, wer eigentlich die Ferienlänge bestimme. Ciꞔa Camargos „Hälfte | Metade“ sucht das verlorene halbe Ich. Ana Valéria Celestino schildert in „Typisch deutsch | Típico Alemão“ ihren Eindruck über das Deutschsein am Beispiel Reisen. Dabei wichtig: Sandalen mit Socken. Einen Magier in der Metro trafen wir in Udo Baingos “Die unbändige Liebe | Oh! Amor irreverente“. Übersetzer Aron Zynga übernahm jeweils das Lesen der deutschen Texte.

Auch wenn der Titel des Buches es vermuten ließe: Sehnsucht ist für die beiden Autoren Camila Nobiling und Cléssio Moura de Souza längst kein Thema mehr. Sie gehören sowohl zu Brasilien als auch zu Deutschland. Sind sie in dem einen Land, vermissen sie das andere.

Círculo Literário de Berlim

Cléssio Moura de Souza schilderte, dass ein Workshop mit dem Schriftsteller Luiz Ruffato der eigentliche Ausgangspunkt dafür war, dass sich die Gruppe Círculo Literário de Berlim überhaupt gefunden hatte. Bei diesem Workshop im Jahr 2014 ging es darum, wie ein Text eigentlich funktioniert, um Inhalte von Texten und um das Feedbackgeben.

Círculo Literário de Berlim © Kiezlesereise

Círculo Literário de Berlim © Kiezlesereise

Danach schrieb die Gruppe weiter, produzierte fleißig, half sich gegenseitig und schaute einfach, was passiert. Einmal im Monat trafen sie sich, um neue Texte vorzustellen, gemeinsam zu lesen, zu diskutieren und Erfahrungen teilen. Die Motivation, noch mehr zu schreiben, war groß, meint Camila Nobiling. War sich jemand nicht sicher, wie gut oder schlecht einzelne Texte tatsächlich waren, half die Gruppe weiter, jeden Monat besser zu werden. Das 2016 veröffentlichte Buch war die logische Konsequenz der gemeinsamen Arbeit.

Das war die Auftaktlesung zur 3. Kiezlesereise

Die erste Autorenlesung der 3. Kiezlesereise am 19. Oktober 2016 fand im Gemeindehaus der Katholischen Pfarrei St. Clara in Nord-Neukölln statt. Pfarrer Kalinowski betonte bei seiner Begrüßung, dass es keine Parallelgesellschaften geben sollte. Stattdessen müssen die Menschen miteinander in Kontakt kommen und die Kiezlesereise sei ein Mosaiksteinchen dafür. Wir danken sehr für die Gastfreundschaft und die tolle Unterstützung vor Ort.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an die Vortragenden Camila Nobiling, Cléssio Moura de Souza und Aron Zynga, die auf Portugiesisch und Deutsch vortrugen und danach mit dem Publikum diskutierten. Der Abend in gemütlicher Runde war auch deswegen sehr bereichernd, weil das vorgestellte Buch aufgrund der Themen- und Stilvielfalt für jeden Leser eine Geschichte bereithält. Wir wünschen zahlreiche begeisterte Leser für “Sehnsucht ist ein verdorbenes Wort | Saudade é uma palavra estragada”.

Ein Text von Yvonne Geister

Weiterführende Links

Fotos zur Lesung

Die Fotos zur Lesung mit Camila Nobiling, Cléssio Moura de Souza und Aron Zynga sind auf unserer Kiezlesereise-Facebookseite, eine Auswahl gibt es hier:

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