Rückblick: Journalisten im Berliner Exil: Zweisprachige Lesung und Diskussion mit Sharmila Hashimi und Ehsan Mehrabi

Sharmila Hashimi und Ehsan Mehrabi © KiezlesereiseDie Journalisten Sharmila Hashimi (Afghanistan) und Ehsan Mehrabi (Iran) bestritten am 28. Oktober 2015 im CAfé ISOTOP die zweite Veranstaltung der Kiezlesereise 2015 mit über 30 Besuchern. Bei beiden Lesenden möchten wir uns ganz herzlich für die zweisprachige Lesung mit anschließender Diskussion auf Persisch/Farsi und Deutsch bedanken.

Über die zweisprachige Lesung und Diskussion

Sharmila Hashimi

Sharmila Hashimi stellte mit ihrem Text „Frauen sind in Afghanistan nur ein halber Mann“ (24.09.2015, Handelsblatt) die Rolle der Frau in ihrer Heimat vor, berichtete über die Gründe ihrer Flucht und das neue Leben in Deutschland. Vielfaches Nicken im Publikum begleitete Sharmila während des Vorlesens.

In Afghanistan gehe der Kampf um gleiche Rechte für Frauen und Männer voran. Der Wert einer Frau sei dennoch nicht so hoch wie der eines Mannes. Diese fehlende Wertschätzung ziehe sich durch sämtliche Bereiche des Lebens und ende nicht selten in solch extremen Situationen, dass ein Leben im Heimatland undenkbar und schlichtweg lebensgefährlich wird.

Sharmila entschied sich mit ihrem Sohn zur Flucht und lebt seitdem in Deutschland. Dass damit zugleich Einsamkeit und Entfremdung einhergehen, überrascht kaum. Jedoch: sie ist sicher in einem Land, das Männern und Frauen per Gesetz die gleichen Rechte zuspricht und in dem das Leben für alle etwa gleiche Voraussetzungen und Chancen bietet. Damit verbunden sind Rechte genauso wie Verantwortung – als alleinerziehende Mutter, als Journalistin auf Jobsuche und als Deutschlernende.

Gemeinsam mit ihrem Sohn geht sie zur Schule und lernt Deutsch. Sie betont immer wieder, wie wichtig es sei, die deutsche Sprache zu beherrschen. Nicht nur um sich im Alltag verständigen zu können, sondern auch um hier als Journalistin wahrgenommen und akzeptiert zu werden.

Reporter ohne Grenzen vermittelte ihr einige Kontakte zu Medien und anderen Journalisten. Generell fehle jedoch in der deutschen Medienlandschaft das Vertrauen in hier lebende Journalisten aus anderen Ländern. Sharmila schildert, dass sie oft „nur“ als Geflüchtet wahrgenommen wird. Ihr Wunsch ist es, eines Tages nicht nur Geflüchtete, sondern vor allem Journalistin zu sein in den Augen anderer. Die Medien jedenfalls könnten von ihrem Fachwissen über Afghanistan, ihrem Handwerkszeug als Journalistin und ihren beruflichen wie persönlichen Erfahrungen profitieren. Sharmila Hashimi arbeitet aktuell als freie Journalistin für verschiedene Medien.

Ehsan Mehrabi

Ehsan Mehrabi war schon zu Universitätszeiten ein Aktivist, gründete eine Satirezeitung und verfasste satirische Gedichte. 15 Jahre war er als Parlamentskorrespondent im Iran tätig und schrieb z. B. über die Grüne Revolution im Jahr 2009.

Aufgrund seiner Berichterstattung und der Zusammenarbeit mit persischen Redaktionen ausländischer Medien wie der BBC wurde er bedroht und schließlich inhaftiert. Seine Frau, ebenfalls Journalistin, bekam nach seiner Verhaftung Berufsverbot.

In seinem Text „Sprache, Arbeit, Hoffnung“ (14. 10. 2015, taz) erklärt Ehsan, dass Unterdrückung ein bitterer Beigeschmack des Berufes sei. Als Journalist möchte er die Wahrheit spiegeln, aber er sei kein Kämpfer. Nach seinem Gefängnisaufenthalt entschied er sich daher mit seiner Frau zur Flucht aus der Heimat.

Auf der einen Seite könne er hier in Sicherheit leben, auf der anderen Seite gebe es aber auch Schwierigkeiten: sei es bei der Bewältigung des oft bürokratischen Alltags, dem Erlernen der deutschen Sprache, dem Finden einer Wohnung oder der Hoffnung auf mehr Arbeitsmöglichkeiten als Journalist. Mehr als zwei Jahre ist er bereits im Berliner Exil und fragt sich, ob er bereits zuhause ist oder noch zu Gast. Ehsan Mehrabi arbeitet aktuell als freier Journalist für verschiedene Medien.

Unser Leseort des Abends: ISOTOP

Dem Café ISOTOP gilt ein großer Dank für die Gastfreundschaft und das unkomplizierte Umsorgen während der Lesung. Die persönlichen Beiträge der Besitzerin zur Flucht aus der Heimat und dem Ankommen in einem fremden Land haben den Abend besonders gemacht. Wer eine schöne Zeit in einem Café verbringen möchte, dem sei das ISOTOP wärmstens empfohlen.

Wenn während der Lesung Stühle geholt werden mussten wegen stets neuer Besucher, wenn ein Teil sogar stehend den Beteiligten lauschte und wenn der Austausch auch nach der Lesung nicht aufhört, bleibt nichts anderes zu sagen als: Der Abend mit Sharmila Hashimi und Ehsan Mehrabi war eine Bereicherung. Vielen Dank!

Nicht vergessen

Die nächste zweisprachige Veranstaltung findet am 4. November 2015 im FiPP Treffpunkt Kluckstraße statt, diesmal bereits um 18 Uhr. Ayse Buchara liest die ‚Kindergeschichte für Erwachsene‘ „Eine Adventsgeschichte“ auf Türkisch und Deutsch.

Fotos zur Lesung mit Sharmila Hashimi und Ehsan Mehrabi

Die Fotos zur Lesung mit Sharmila Hashimi und Ehsan Mehrabi sind auf unserer Kiezlesereise-Facebookseite, eine Auswahl gibt es hier:

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